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3Jun/100

Kulturelle Sehnsuchtsorte in der Literatur – am Beispiel Klaus Manns “Das Leben der Suzanne Cobiere”(2/3)

2.3. Zum Verhältnis Sehnsucht - Angst - Tod

“Ich bin zu der felsenfesten Überzeugung gekommen, dass nirgends und nie auf der Welt lügenhafter, leerer, langweiliger, armseliger, inhaltsloser und grausamer gelebt wurde als bei euch, in euren großen Städten!” Mit diesen Worten verabschiedet sich Suzanne von ihrem Freund, mit dem sie nach Tahiti gekommen ist und offenbart ihm, dass sie nie in ihr altes Leben zurückkehren wird. Zunächst versucht er sie noch zu überreden, wieder mit zu kommen, was allerdings keinen Sinn mehr hat, weil sie sich entschieden hat. Die Sehnsucht in ihr war so stark, dass sie denkt, nun ihr vollkommenes Glück gefunden zu haben. Sie genießt ihr Leben jetzt und hat ihren Ausbruch aus der beklemmenden Situation ihres Elternhauses und später auch der Boheme scheinbar geschafft. Als jedoch der Ehrgeiz, etwas zu tun, und die Unternehmungslust in ihr wieder einsetzen, manipuliert sie die Menschen in ihrer nächsten Umgebung und zieht nach Honolulu, um dort ihren aufflammenden Trieb zu befriedigen.
Hierbei nimmt sie Einfluss auf die Unberührtheit und das friedliche Leben der auf Tahiti lebenden Menschen und richtet ihre Aufmerksamkeit direkt auf ihre eigenen Interessen, ohne darüber nachzudenken, was das für Auswirkungen auf die Idylle haben könnte. Aber indem sie die Leute mit sich fortnimmt, bleibt zumindest der Ort Tahiti als romantischer Sehnsuchtsort erhalten.
Auf Honolulu verliebt sich zunächst ein weiterer Tahitianer in die Fremde voller Geheimnisse und Tatendrang. Jedoch hat dieser keine Chance bei ihr denn die Liebe, die sie mit Bulhup verbindet, ist für sie Vollkommenheit und vor allem Heimat. “Der starke Geruch seines Körpers erinnerte sie, dass es auch für sie eine Heimat gab, einen Platz, wo sie gut gelebt hatte, glücklich gewesen war.” Jedoch war das auf Tahiti und nun befindet sie sich auf Honolulu. Allerdings empfindet sie hier bereits Angst, denn sie weiß, dass an diesem Ort ihr Glück nicht lange anhalten wird. “Mit wehmütiger Innigkeit klammerte sie sich in solchen Liebesstunden an ein unschuldiges Glück, das sie doch heimlich schon entglitten wusste.” Die Situation in dieser erneut ungewöhnlichen, und doch für Suzanne so vertrauten, Welt des Großstadtlebens, nimmt für die Protagonistin wieder Gestalt an und sie verfällt in alte Verhaltenmuster. Der Ort, der “amerikanische Betriebsamkeit verlockend mit der Südsee-Üppigkeit mischt”, macht für sie den besonderen Reiz aus.
Doch dieses Leben hätte sie fast schon einmal zugrunde gerichtet und sie weiß das, sie bekommt Angst. “Manchmal empfindet Suzanne Angst. [...] Sie ist leidend, wie in ihren schlimmsten Zeiten, lernt nervöse Zuckungen, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit wieder kennen. Sie magert ab, sieht mitgenommen und zerrüttet aus. [...] schrille, hysterisch unterminierte Stimme [...] abgestorbene und grelle kleine Gelächter.” Sie verändert ich zunehmend ins Negative und vor dieser Veränderung fürchtet sie sich “war sie diese scheußliche Verfallene?” Sie sieht jetzt ein, dass diese Flucht in die Sehnsucht kein Ausweg aus ihrer Erziehung in ihrem festgefahrenen Lebens war. Sie sieht den derzeitigen Verfall als Strafe für dien Versuch an, aus dieser Welt auszubrechen.
Ihr letzter Versuch, alles zur Vollkommenheit zu führen, soll die Inszenierung werden, die sie plant, organisiert und bei der ihre “Burschen” mitwirken sollen. Dabei sucht sie weiterhin nach dem Paradies und vergisst sie sich selbst. “Würde kannte sie nicht mehr, sie lief selbst [...] ihre Reklamezettel in die Hand zu drücken.” Die Show, die sie aufzeihen will, passt nicht in das Paradiesbild hinein und es wird zur Hölle, indem sie die Flamme in ihr, die etwas Neues machen will, nicht unterdrücken kann. Sie schließt damit den Kreis zu ihrem vergangenen Leben, weil sie ihr Leben hier inszeniert. Die Show ist eine Anordnung, ein Aufdrücken der Norm auf die unschuldigen Menschen, die ihr hörig sind und eine Strukturierung. Damit hat sie das Paradies zerstört und ein Unglück während der Inszenierung ist unausweichlich. Von Anfang an, ist der Misserfolg vorprogrammiert “Der erste Tanz missfällt, es wird gejohlt und gepoltert.” Durch Alkohol und nicht erfüllte Erwartungen eskaliert die Situation letztendlich zu einer handfesten Rangelei der Zuschauer mit den Darstellern. Selbst die Polizei kann nicht rechtzeitig eingreifen bei dieser “Orgie von Wollust und Blutgier” und es kommt zum tragischen Ende. Ihre letzten Worte “Das ist die Hölle” besiegeln ihr Fortgehen aus dem Paradies, was sie sich selbst zur Hölle gemacht hat, indem sie in die Ruhe und Zufriedenheit der eingeborenen Gemeinschaft eingegriffen hat. Durch ein Messer, was ihr Verehrer wirft, stirbt Suzanne und die Eskalation hat ein Ende. Durch ihr Ableben kann wieder die Ausgangssituation der Harmonie hergestellt werden, da sie es war, die Unruhe und Veränderung mitgebracht haben. Die Protagonistin stirbt in ihrer eigenen Inszenierung und “Nun, im Tode, hatte sie die unnahbare Vornehmheit ihrer Ahnen wiedererlangt.”
Am Anfang der Geschichte lebte sie in Askese und ihren Eltern hörig. Jedoch bricht sie aus diesem Verhältnis aus und lebt ein Leben, welches von zweifelhaften und verruchten Gestalten und Situationen geprägt ist. Am Ende stirbt sie in einer Orgie von Wollust und hat jetzt im Tod das Paradies nicht gefunden. Sie kehrt mit ihrer letzten Handlung “Während ihre Augen sich brachen, faltete sie noch mit einer krampfhaften Angstgebärde die Hände, wie sie es als kleines Mädchen gelernt.” kehrt sie zurück in ihre Kindheit und findet hier ihr wahres Paradies und damit ihre wahre Heimat.

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