Kulturelle Sehnsuchtsorte in der Literatur – am Beispiel Klaus Manns “Das Leben der Suzanne Cobiere”(1/3)
1.Einleitung
“Nur der Geist, der unverrückbar an ein fernes, schönes Ziel glaubt, vermag die Lebenskraft sich zu erhalten, die ihn über den Alltag hinwegführt.” Schon Gustav Stresemann beschrieb fremde Orte als einen Ausfluchtweg aus dem Alltag. Es geht hier um die Sehnsucht allein, die den menschlichen Geist erweitert, um Kräfte für die Meisterung diverser Alltagssituationen aufzubringen. Diese Sehnsucht kann also dem Menschen Halt und Hoffnung geben, damit bestimmte unverhofft eintretende Ereignisse darin gelöst werden können und verschwimmen.
Alle Sehnsuchtsorte haben charakteristische Merkmale wie herrliche Landschaften, freundliche Menschen, ein friedliches und ursprüngliches Leben sowie Überfluss an Nahrung.
Die Tradition beläuft sich auf das Weiterleben nach dem Tod in einem Land, was dem irdischen Leben nicht im Geringsten ähnlich ist, sondern vollkommen und reich an Wohlgenüssen ist, es wurde als eine Erlösung vom Leben auf der Erde angesehen. Jedoch ging dieser Glaube mit der Zeit verloren und die Menschen besannen sich auf irdische Genüsse und das Leben im Diesseits. Sie wollten nicht an die Auferstehung oder ähnliches glauben und suchten sich Orte, die näher und realistischer waren, obwohl sie noch so traumhaft bleiben mussten, damit die Sehnsucht Nährboden fand, wie z.B. die Südsee, die lange Zeit unerschlossen und geheimnisvoll war.
Denn der Mensch kann sich nur nach Dingen sehnen, die er nicht kennt oder selten realisierbar sind. Denn das, was man hat oder bekommen kann, danach braucht man sich nicht zu sehnen.
2. Kulturelle Sehnsuchtsorte in der Literatur - am Beispiel Klaus Manns “Das Leben der Suzanne Cobiere
2.1. Sehnsuchtsort Südsee - Intertextuelle Bezüge im Werk von Klaus Mann
Die Sehnsucht nach der Exotik ist wichtig für das menschliche Dasein, weil reisen Erholung und Flucht vor der Wirklichkeit bedeutet. Es bedeutet auch die eigene Identität herauszufinden und die Grenzen des eigenen Ichs herauszuschieben. Als Suzanne nach einem Selbstmordversuch und diversen unglücklichen Beziehungen auf Tahiti ankommt, findet sie hier eine ganz andere Welt als die, die sie bisher kannte. Auch Klaus Mann reiste zu der Zeit, in der das Werk entstand sehr viel. Seine erste größere Auslandsreise 1925 führt ihn nach England, Paris, Marseille, Tunesien, Palermo, Neapel und Rom. Zwei Jahre vor Veröffentlichung von „Rundherum. Das Abenteuer einer Weltreise.“ machte er eine achtmonatige Weltreise mit seiner Schwester Erika und bekam daher die Eindrücke der südlichen Ozeanien hautnah mit. In diesem Werk gewannen die Personen sichtlich an sozialem Profil und die Novellen wurden lakonischer und präziser als seine früheren Prosawerke.
Es wird das Merkmal der freundlichen Menschen deutlich. “ [...] spielte Suzanne mit den eingeborenen Kindern, hockte bei den Müttern, plauderte mit den Burschen.” Der Mensch Suzanne als geformte, willenlose Frau der französischen Boheme existiert auf der Südseeinsel nicht mehr. Sie ist aus der alten Welt ausgebrochen, sie ist “ruhiger geworden”, “ihre Augen hatten einen ruhigen Blick, sie bewegte sich weicher.” Bei diesem Werk von Klaus Mann zeigt er zum erstenmal eine deutliche Kritik an der Boheme. Für Suzanne ist Tahiti der Ort des landschaftlich Schönen, der erstrebenswerten Lebensumstände - das Paradies. Sie kehrt ihrem alten Leben den Rücken und macht sich das Land zu eigen, auf dem sie sich gerade befindet. “Ich habe mich zuviel geirrt, um die Heimat noch einmal zu verlassen, nun, da ich sie endlich, endlich gefunden. Hier gehöre ich hin.” Die Protagonistin macht sich dieses neue unbekannte, und dem ersten Anschein nach wunderschöne, Land in der Südsee zu ihrer Heimat, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Denn jedes Paradies hat seine Schattenseiten. “Ein paar junge Leute kamen vorüber, halbnackt, ihre glatten und vollendeten Leiber schimmerten braun, sie trugen Blumen und sangen.” Das ist das typische Bild eines Eingeborenen auf einer ruhigen Insel mitten im Meer. Aus der Frustration des Alltags heraus erwächst hier die Vorstellung, dass diese Menschen perfekt sind und besser leben als andere Menschen, weil im ersten Augenblick alles harmonisch, füllig und perfekt wirkt. Daher sehnen sich die Menschen nach so einem Leben und so einem Lebensraum, in dem die Sorgen und der Alltag wie weg geweht werden vom süß duftenden Wind der Südsee. Die geografische Distanz ist es aber letztendlich, die dieses Gefühl bewirkt, denn die Probleme bleiben die gleichen, sie scheinen nur zu verschwinden, aber irgendwann holt die Vergangenheit und die Realität auf und überholt das Geschehen auf dem unberührten Stückchen Erde.
Die Suche nach diesem fremden Ort ist eigentlich eher eine Identitätssuche, die Suche nach einem Ort der inneren Bestimmung. Jedoch scheitert der Traum vom paradiesischen Leben meist, auch bei Klaus Mann, als Suzanne am Ende stirbt, weil sie die Welt, in die sie eingedrungen ist, verändern wollte. Damit hat sie die Unberührtheit berührt und das Paradies verwandelt sich in eine ganz normale, reale Welt. Dieser Sehnsuchtsort liegt nämlich immer dort, wo man gerade nicht ist. Und dringt man in einen solchen Ort ein, zerstört man damit die Idylle, verändert die Gesellschaft und normalisiert die Welt, die erstmals so geheimnisvoll wirkte.
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