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Inflation und Wirtschaftskrise in der Weimarer Republik (3/4)

3.2 Die Weimarer Republik in der Wirtschaftskrise

In den folgenden Jahren stieg die Arbeitslosenquote weiter, bis sie ihren Höchststand 1932, inoffiziell ca. 33%, erreichte. Inoffiziell, da viele Arbeitslose sich nicht mehr meldeten, weil sie ohnehin keinen Anspruch auf staatliche Unterstützung hatten.
Besonders stark betroffen waren die Arbeitnehmer im Bausektor. "Im Februar 1932 ermittelten die Gewerkschaften der Bauarbeiter, dass 90,2 Prozent ihrer Mitglieder von Arbeitslosigkeit oder von Kurzarbeit betroffen waren." Insgesamt verringerten die Beschäftigungszahlen in diesem Sektor von 2.075 Mio. 1928 auf 775000 1932.
Allerdings waren nicht alle Wirtschaftssektoren und Regionen gleich stark von der Krise betroffen. Vor allem in agrarisch orientierten Gebieten blieb die Beschäftigungssituation relativ stabil. Stark betroffen waren die Industriezentren, wie z.B. Sachsen. Der Rückgang bei der Nachfrage bei Konsumgütern traf die in Sachsen ansässige Automobil- und Textilindustrie, welche bis zu ein Drittel der sächsischen Bevölkerung beschäftigt hatte. Aber auch innerhalb der Wirtschaftszweige gab es Unterschiede hinsichtlich Entlassung und Kurzarbeit. Blaich führt als Beispiel den IG-Farben-Konzern und die Robert-Bosch GmbH an. Während der IG-Farben-Konzern seine Belegschaft zwischen 1929 und 1932 um 45% reduzierte, hielt Bosch ca. 8000 der knapp 8800 Arbeiter von 1927. Gründe sieht Blaich hier nicht nur in den vielversprechenden Entwicklungen, die Bosch Ende der zwanziger Jahre gemacht hatte, sondern auch in der geistigen Haltung des Unternehmers zu seinen Mitarbeitern.Eine zufriedenstellende Arbeitslosenversorgen war nicht möglich, da man bei der Planung der Arbeitslosenversicherung von der relativ guten Beschäftigungssituation der Vorjahre ausgegangen war. Nach Ausbruch der Krise erkannte man, dass die Sicherung nicht ausreichte, doch anstatt mehr Gelder bereit zustellen, verringerte man den Personenkreis der Unterstützungsberechtigten, die Unterstützungsdauer und die Höhe der Unterstützung. Die Versorgung der Arbeitslosen lag dadurch auf den Schultern der Kommunen, die diese ebenfalls nur unzureichend sichern konnten.

3.3 Die Ursachen der Krise

Seit ca. 1927 beeinflussten verschiedene Faktoren die Stagnation und später den immer rapideren Abfall der Wirtschaftsleistungsfähigkeit der Weimarer Republik. Zum einen gingen die inländischen wie ausländischen Investitionen langsam zurück. Folge war, dass das Wirtschaftswachstum fast zum erliegen kam. Langsam ging auch der Konsum zurück, woraufhin die Hersteller von Konsumgütern ihre Produktion drosselten, was sich wiederum in den Auftragsbüchern der beliefernden Industrie und der Maschinenbaubranche widerspiegelte. Verluste durch die sinkende Binnenmarktanfrage konnten aber bis 1930 noch durch verstärkten Export ausgeglichen werden.
Schon 1928 kam es zu einem Abzug ausländischer Kredite, da die dort herrschende Börsenentwicklung höhere Gewinne versprach. Ausländische Investoren reduzierten ihre Aufwendungen von Anfang 1928 bis Ende des Jahres um über 50%. Um den Abfluss der Gelder zu stoppen, erhöhte die Reichsbank die Zinsen, was das Wirtschaftswachstum weiter drosselte.
Viele Banken hatten ebenfalls ausländische Kredite aufgenommen und diese, trotz der Möglichkeit eines kurzfristigen Rückzugs, in Langzeitprojekte investiert. Als bei der Wahl 1930 die NSDAP stark zulegte, sah man die Stabilität der Weimarer Republik stark gefährdet und begann innerhalb von kürzester Zeit Gelder, die vorher in Deutschland angelegt wurden, zurückzuziehen. Nachdem sich zeigte, dass die Regierung unter Brüning dennoch handlungsfähig blieb, verlangsamten sich die Kapitalabzüge, wurden aber nicht ganz gestoppt. Die Banken hatten Probleme das geforderte Geld zu zahlen, da ihre Gläubiger den plötzlichen Rückzahlungen nicht nachkommen konnten. Auf diese Weise wurde die österreichische Creditanstalt innerhalb eines Jahres zahlungsunfähig. Nachdem einige Konzerne, wie Karstadt, Nordstern und der Nordwoll-Konzern in finanzielle Schwierigkeiten gerieten, war das Vertrauen der ausländischen Kreditgeber endgültig verloren und eine Welle von Kreditabzügen stürzte das deutsche Banksystem in die Krise. Der Bausektor, Konjunkturmotor und größtenteils staatlich finanziert, verlor die Kommunen als Kunden, da diese nun ihre Kredite zurückzahlen mussten. Private Bauherren konnten das Defizit nicht ausgleichen. So kam nicht nur zu Massenentlassungen im Bausektor, sondern auch bei den Zulieferern von Material und Maschinen.
Die Krise verschlimmerte sich durch die Politik des Kabinetts Brüning, das 1930 die Regierung übernommen hatte. Brünings Ziel war es ein Defizit in den Staatskassen, das sich in den vorhergehenden Jahren gebildet hatte, auszugleichen. Seiner Erfahrung nach war die Staatsverschuldung eine Gefahr für die Stabilität der Währung und er fürchtete eine erneute Inflation. Auch glaubte Brüning bei seinem Amtsantritt, dass es sich bei der Wirtschaftskrise nur um eine normale zyklische Rezession handelte, die kaum staatlicher Intervention erforderte. Um dennoch der hohen Arbeitslosigkeit entgegen zu treten, unterstütze das Kabinett Brüning die Reichsbahn, -post und förderte den Wohnungsbau mit insgesamt 950 Mio. Reichsmark. Da diese Zahlungen aus Steuern finanziert werden sollten, kam es nicht zu einer Verbesserung der Situation.
Um in jedem Fall eine erneute Inflation zu vermeiden, verweigerte sich Brüning nicht nur der Geldschöpfung durch Kredite, welche einen konjunkturellen Aufschwung gebracht hätte. Zusätzlich erhöhte er die Steuern und kürzte die Staatsausgaben zu Gunsten der Haushaltssanierung. Dieser Eingriff verringerte die Binnennachfrage weiter und verschlimmerte somit die Krise. Einige Forscher gehen davon aus, dass Brüning auf diese Weise versuchte zu beweisen, dass es Deutschland unmöglich sei, die Reparationslast weiter zu tragen. Diese These ist allerdings seit einigen Jahren umstritten.

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