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2Jun/100

Die literarischen Gattungen: Mittlere und Kleinformen der Epik(1/2)

Mittlere Formen:

Die Erzählung
Die Erzählung ist allgemein ein Sammelbegriff für narrative Texte mittleren oder kürzeren Umfangs. Es gibt keinen genaueren Begriff für eine spezifische Erzählgattung so wie bei Novelle oder Märchen.
Daher gibt es auch keine genauere Geschichte zur Erzählung. Im 18. Jhd grenzte sich die Erzählung von der Verserzählung ab, um die Prosa ästhetisch hervorzuheben. Somit gab es keine Differenzierung zwischen Erzählung, Novelle oder Roman. Erst als die Novelle sich als eigener Gattungsbegriff etablierte, grenzt man heute die Erzählung spezifischer ab.

Die Novelle
Die Novelle zeichnet sich durch eine straffe Handlungsführung, formale Geschlossenheit und thematische Konzentration aus. Sie ist eine Prosa- oder Verserzählung von mittleren Umfang und ihr Gegenstand ist eine "sich ereignete unerhörte Begebenheit" (Goethe), die einen gewissen Anspruch auf Wahrheit erhebt und von etwas Neuem oder Außergewöhnlichen erzählt. Sie spitzt sich auf einen Wendepunkt hin zu und ist strukturiert durch ein sprachliches Leitmotiv. Meist werden Novellen zu Zyklen verbunden oder in Rahmenerzählungen eingebettet.
Die europäische Novelle geht zurück auf Boccaccois um 1350. Seine Novellensammlung "Decamerone" verknüpft ca. 100 Erzählungen und wurde über Jahrhunderte zum Vorbild europäsischer Novellendichtung. Die deutsche Novelle entwickelte sich mit Goethe, der "Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten" (1795) nach Boccaccios Vorbild des Zyklus mit Rahmenhandlung verfasste. In der Romantik rückte die Einzelnovelle mit Heinrich von Kleist wieder in den Vordergrund. In dieser Zeit wurden märchenhafte, phantastische und dämonische Elemente charakteristisch. Den künstlerischen Höhepunkt erreichte die Novelle im Realismus. Ein Beispiel ist Gerhart Hauptmanns "Bahnwärter Thiel", was als novellistische Studie gehandelt wird, wobei hier die Geschichte der modernen Novelle beginnt. Vertreter sind zum Beispiel Thomas und Heinrich Mann, Arthur Schnitzler oder Günter Grass.
Im 20. Jhd entwickelt sich die Erweiterung der formalen Ausdrucksmöglichkeiten, was durch die Annäherung an andere Formen des Erzählens z.B. der Kurzgeschichte bedingt ist.

Kleinformen:

Die Sage
Die Sage ist eine mündliche Erzählung, die von den Gebrüdern Grimm geprägt wurde. Im Gegensatz zum Märchen haben diese einen gewissen Realitätsanspruch, der dadurch zur Geltung kommt, dass Raum, Zeit und Personen als fiktive, aber realitätsnahe Komponenten dargestellt werden. Das gilt auch für übernatürliche Begebenheiten.
Inhaltlich geht es um die Auseinandersetzung mit der Natur, der Realität, der Transzendenz , individuelle Erlebnisse und Begegnungen, kollektive Erfahrungen sowie Glaubensvorstellungen. Unterschieden wird zwischen mythischen und historischen Sagen sowie Erklärungs- und Ursprungssagen. Letztere erläutern die Ursachen von Naturerscheinungen, Bauwerken, Namen und Eigenschaften von Menschen und Pflanzen. Weiterhin ist die Unterscheidung nach Form und Funktion möglich.

Die Legende
Die Legende war bis zur Reformationszeit die beliebteste Erzählgattung und beinhaltet Leben, Werk und Tod eines/einer Heiligen. Ziel ist es, den Glauben zu stärken und zur Nachahmung anzuregen durch eine beispielhafte Geschichte. Es geht um eine innere, spirituelle Wahrheit ausgedrückt in einer heldenhaften Biographie. In Deutschland gab bis ins 14. Jhd nur Verslegenden, wobei die Sprachform einer Legende nicht festgelegt ist. Unterschieden werden Legenden durch ihren Helden, der einerseits der Märtyrer (besonders in der christlichen Frühneuzeit) sein kann oder andererseits der tugendhafte, glaubende und asketische Bekenner.

Das Märchen
Das Märchen ist realitätsfern und behandelt wundersame Dinge, wie z.B. Hexen, Drachen, Feen und sprechende Tiere. Zu unterscheiden sind die nach langer mündlicher Übertragung aufgeschriebenen Volksmärchen und die beabsichtigt konstruierte Kunstmärchen. Beim Volksmärchen gibt es keinen namentlich bekannten Verfasser, sie lebten von mündlicher Weitergabe und damit verbundenen Variationen des Inhalts. Es waren Geschichten, die über Haus und Flur wanderten. Die Gebrüder Grimm überarbeiteten Ende des 18. Jhd diese Überlieferungen stilistisch und schrieben sie in ihren "Kinder- und Hausmärchen" nieder. Dies prägte das deutsche Volksmärchen noch bis in die Gegenwart. Es dient der Unterhaltung in erster Linie der Kinder, aber auch für Erwachsene, was ursprünglich umgekehrt gewesen war. Inhaltlich kann man zwischen Zauber-, Schwank-, Tier-, Lügen- oder Legendenmärchen unterscheiden.

Die Kurzgeschichte
Der Begriff Kurzgeschichte stammt von der englischen Bezeichnung "short story" ab und ist seit der Wende zum 20. Jhd nachweisbar. Vorher wurden Bezeichnungen wie Novellette oder Skizze gebraucht, um diese prosaischen Texte von der Novelle und Erzählung abzugrenzen. Die Kurzgeschichte ist "ein Stück herausgerissen aus dem Leben"(Wolfdietrich Schnurre). Sie zeichnet sich durch die Behandlung alltäglicher Themen, nichtidialisierte Figuren (z.B. Außenseiter) und Kompaktheit aus. Man verzichtet auf ausschweifende Erklärungen, Beschreibungen und auf Figurenentwicklung. Der Leser erhält keine Einleitung in das Geschehen und oft bleibt das Ende offen. Besonders in der Nachkriegsliteratur wurde die Kurzgeschichte wichtig, da sie aufgrund ihrer Flexibilität ein geeignetes Medium war um die Geschehnisse des 3. Reiches und der Nachkriegszeit zu bearbeiten.

Die Kalendergeschichte
Namensgebend für die Kalendergeschichte war ihr ursprüngliches Verbreitungsmedium. Diese kurzen Geschichten mit lehrreicher Tendenz wurden seit Anfang des 19.Jhd durch Peter Hebel gesammelt und erhielten so ihren Namen. Er sammelte die Kalendergeschichten aus seinem Kalender und fasste sie im "Schätzlein des rheinischen Hausfreundes" (1811) zusammen. Die Kalendergeschichte unterscheidet sich von anderen erzählenden Formen, durch die Gestalt des fiktivem Hausfreundes, dem Dialog des Hausfreundes mit dem Leser und der am Ende stehenden Moral. Diese Eigenschaften, sowie ihre betonte Einfachheit, behält die Kalendergeschichte auch später bei.
Entstanden ist die Kalendergeschichte aus einer zunehmenden Literarisierung des Kalenders im 18.Jhd.

Artikel zum Thema:

Die literarischen Gattungen: Großformen der Epik
Die literarischen Gattungen: Mittlere und Kleinformen der Epik (1/2)
Die literarischen Gattungen: Mittlere und Kleinformen der Epik (2/2)

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